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SINN-VOLLES FÜR UNS ALLTAGSPHILOSOPHEN

 

Michael Bauer war Mönch im Benediktinerkloster St. Paul, Kärnten. Seit vielen Jahren praktiziert er traditionelle christliche und asiatische Meditationsformen. Als begeisterter Läufer entwickelte er zudem eine einzigartige Verbindung zwischen Ausdauertraining und spiritueller Praxis, die er in seinem Buch "Die Seele läuft mit" (Integralverlag) und "Power für die Seele" (Südwest) veröffentlichte.
Er schreibt exklusiv für den Glyx-Letter.

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Urlaub bringt endlich Lange-Weile

In diesen Tagen sieht man sie wieder in die Briefkästen flattern: Schwärme von bunten Reiseprospekten. Sie ziehen gen Norden um die Menschen gen Süden zu locken. Nach Urlaub dürstende Sommermenschen. URlaub. Eine URsehnsucht. Welche durch die sommerlich heißen Sonnenstrahlen zur vollen Reife gelangt. Raus aus dem bekannten Alltagsrhythmus! Raus aus dem Alltagsstress! Und endlich rein in –  ja wohin denn eigentlich? In den nächsten Stress. Urlaubsstress. Den braucht man, um der Urlaubsleere zu entfliehen. Viele werden sogar von einem Urlaubsschock heimgesucht. Plötzlich ein Überschuss an Zeit. Freier Zeit. Das muss man erst mal verkraften. Es wird sogar Urlaubsmomente geben, wo man sie ganz für sich alleine hat. Diese freie Zeit. Wo man mit ihr alleine sein wird. Um Himmels willen! Was macht man denn da? Die Urlaubsleere kommt nicht alleine. Sie bringt einen lieben Verwandten mit. Das Unbehagen vor der Langeweile. Das nächste Schreckgespenst. Ich persönlich kann mich nicht genug langweilen. Die Langeweile schenkt uns eine „Lange Weile“. Ein langes Bleiben im Augenblick. Die Möglichkeit bei sich zu sein oder zu sich zu kommen. Eine Lange-Weile für seine Ideen, für seine Kreativität, für das Staunen über das scheinbar Selbstverständliche im selbstverständlich gewordenen Leben. Lange-Weile für das Denken. Das Nachdenken. Das Vorausdenken. Das Überdenken. Das Hinterfragen. Das Auffinden von den Dingen im Leben, mit denen man sich künftig mehr langweilen möchte. Die Lange-Weile schenkt uns Zeit zum Stehenbleiben. Sie gibt Augenblicke zum Durchatmen, zum Aufatmen. Sie ist unserer Seele eine Hängematte, in der sie ab und an baumeln darf. Bevor sie ins Straucheln kommt. Die Lange-Weile verschafft uns Raum, Urlaub von uns selbst zu machen. Eine Chance für neues Sehen. Das Wegsehen vom ach so wichtigen Ego und das Hinsehen auf andere. Ein mitfühlendes Hinsehen, kein verurteilendes Herabsehen. In der Lange-Weile kann man hören. Hinhören auf das, was einem andere zu sagen haben. Was einem die Natur sagen möchte. Die Tiere. Das eigene Herz. Man kann Hinhören auf jene Fragen, die einem die vier Wände seines „stillen Kämmerleins“ stellen. Man kann Antworten suchen. Sich selbst suchen. Sich selbst finden. Lang lebe die Lange-Weile!

 
 

Abschiede wohin man schaut

In regelmäßigen  Abständen besucht mich ein Vögelchen auf meinem Fenstersims und erfreut mich mit seinen fröhlichen Gesangseinlagen. Der Augenblick ist wie dieser Vogel. Er kommt und verabschiedet sich wieder. Das Leben ist eine Abfolge von Abschieden. Jeder von uns führt seine persönliche Abschiedsliste. Die bekommt man am Tag seiner Geburt in die Hände gedrückt. Wir verabschieden und werden verabschiedet. Eines Tages für immer. Von unseren Liebsten, von der Welt, vom Dasein. Oft steht man an weit geöffneten Gräbern und stellt sich wesentliche Fragen. Starrt dabei seiner eigenen Abschiedlichkeit direkt und unausweichlich in die Augen. Bevor der letzte Vorhang fällt, unterweist uns das Leben regelmäßig in Sachen Abschied. Tagtäglich. Wir verabschieden uns am Morgen von unseren Liebsten und gehen in unseren Alltag. Es gibt regelrechte Zentren des Abschieds: Bahnhöfe. Flughäfen. Es gibt Abschieds-Lebensphasen. So verabschieden wir uns von unbekümmerten Kindertagen und werden in den Ernst des Lebens eingeschult. Kaum daran gewöhnt und neue Freunde gefunden, klopft uns Schulkamerad Abschied erneut auf unsere schmalen Schultern. Wege trennen sich und Klassentreffen finden nie mehr statt. Kaum da, ist die Jugend auch schon wieder weg. Meine Güte, ist dieses Luder flink! Zurück bleibt das Unbehagen vor dem Alter. Sogleich beginnt ein Laufdilemma. Dem Alter davonlaufen? Oder doch der Jugend hinterher? Egal, einfach mal laufen. Am besten einen Marathon. Als Beweis, dass noch eine gehörige Portion Jungsein in einem steckt. Dass man kein Alteisen ist. Daher auch ein heißes Eisen mit Motor kaufen. Reinschwingen oder draufschwingen und davonschwingen. Gerne gemacht in der Mittelkrise eines männlichen Lebens. Frauen hingegen schließen sich einer Anti-Bewegung an. Der Anti-Age-Bewegung. Ich mag keine Abschiede. Da bekomme ich Turbulenzen im Bauch. Brustkorb und Hals werden fest zugeschnürt. Weil ich mich schwer tu in dem, was Abschiede verlangen: im Loslassen. Wer mag schon Schönes, Angenehmes, Liebes und Gutes loslassen? Schöne Augenblicke, wohltuende Zeiten und liebe Menschen? Aber hilft nix. So ist das Leben einmal gestrickt. Außerdem notwendig, damit man wieder Platz für Neues im Leben hat. Leben ist ja lebendig und nicht statisch. Je mehr man sich auf seine täglichen Abschiede einlässt und sie bewusst und achtsam erlebt, desto weniger überrumpelt wird man eines Tages von seinem eigenen „Großen Abschied“ sein. Ich beginne gleich mit meinem Abschiedstraining und verabschiede mich für heute von Ihnen, liebe Glyx-Leser!

 
 

Eis(h)eilige Extrem-Zeiten

Letzte Woche besuchten die fünf „Eisheiligen“ unsere Gefilde. Wie jedes Jahr. Immer Mitte Mai tauchen sie auf und haben ein wenig Restwinter im Gepäck. Noch einmal hüllten sie Alpenspitzen in einen weißen und frostigen Schal und überzuckerten Täler schneeweiß. Eine Maiwoche später erwarten wir fast hochsommerliche dreißig Grad. „Juhu“, höre ich die Wetterfee im Radio frohlocken. Ein Rätsel für mich. Am liebsten würde ich eine schwarze Trauerfahne aus dem Fenster hängen. Hochsommer im Mai. Oh, du wandelndes Klima. Es heißt, du hast Einfluss auf unser menschliches Gemüt. So schaffst du den kühlen Norden und den temperamentvollen Süden. Nun wendet sich das Blatt. Unser Gemüt verändert dich. Unsere Maßlosigkeit. Wir wollen immer mehr. Mehr Mobilität. Mehr Komfort. Mehr Energie. Mehr vom Mehr. Wir wollen Extreme. Extrem viel erleben, doch wir genießen extrem wenig dabei. Suchen nach dem Extremkick in Extremsportarten. Vor lauter Extremerleben verlernen wir das Spüren zarter Lebensnuancen. Extrem künstliche Geschmäcker im Essen entfernen uns vom natürlichen Genießen. Extreme Ichbezogenheit hilft uns beim Verlernen von Empathie. So merken wir nicht, wie unser Klima nach Atem ringt. Hauptsache, man kann sein neues Sommeroutfit zur Schau stellen. Am besten schon im April. Extrem extrem! Letztens sah ich im TV einen „Extrem-Botaniker“. Weil er sich für Pflanzen interessiert, die vor unserer Nase wachsen. Die in der Nähe von Parkplätzen oder vor unserer Haustür ihr Dasein fristen. Oft als Unkraut beschimpft. An denen wir tagtäglich unachtsam vorbeigehen. Extrem traurig, dass uns das extrem egal ist. Und, dass wir nicht einmal merken, wie egal uns das ist. Unser globaler Klimawandel ist ein Spiegelbild für unseren menschlich-seelischen Klimawandel. Es gibt keine sanften Übergänge mehr. Auf kalt folgt blitzschnell heiß. Nach staubtrocken kommt überschwemmungsnass. Bei uns Menschen ist es nicht anders. Alles oder nichts. Gemäßigte Kompromisse? Nix für mich. Kalte Mienen, heiß gelaufene Gemüter wohin man schaut. Da erhofft man sich einen Klimawandel. Einen heilsamen. Für die Menschen. Für die Welt. Sind Sie bereit, Abstriche zu machen und gleich jetzt damit zu beginnen?

 
 

Ein Matchbox-BMW und Omas Nostalgieschweinebraten

Ein seltenes Abenteuer ist eine Nostalgiefahrt mit einer Dampflokomotive. Eine solche machte ich vor einigen Tagen. Spontan. Jedoch ohne Dampflok. Stattdessen setzte ich mich auf eine Klangwolke von „Simon & Garfunkel“. „Mrs. Robinson“ begleitete mich. Dorthin, wo wir uns das erste Mal trafen: Direttissima in die Siebziger. In meine Lausbuben-Epoche. Sechs Lenze hatte ich damals am Buckel. Und erstmals eine Schultasche. Mein Damals erwachte und wurde zum Jetzt. Damals. Als ich staunend, lachend, barfuß und in Glockenhosen als Milchzahnlücken-Hippie das frische Grün meines Lebens inhalierte. Als ich weinte, ohne mich zu schämen. Als ich ein Umarmungsheld war und noch kein erwachsener Gefühlsdeserteur. Als ich cool sein wollte wie Michael Douglas in den „Straßen von San Francisco“. Als ich heimlich unheimlich in meine schöne Lehrerin verliebt war. Als ich fest an Wunder glaubte. Und sie tatsächlich geschahen. Wie mein Paketwunder: Ich quälte Herrn Hudelist, unseren Briefträger, täglich und mindestens zwei Wochen lang  mit: „Hast du heut ein Paket für mich?“ „Leider nicht! Aber glaub fest dran, dann kommt sicher eines“, erwiderte er eselsgeduldig. Ich wünschte und glaubte. Und es kam, wie es kommen musste. Mein Paket. Mit dem Postauto. Gefüllt mit verführerischen Neapolitaner-Schnitten, bunten Luftballons, einem PEZ-Donald Duck  und einem Matchbox-Fünfer-BMW. So wie der von Derrick. Von wem das alles war, wusste keiner. Nur einer: Herr Hudelist. Denn er schnürte leise mein Wunderpaket. Voller Wunder sind auch unsere persönlichen Nostalgiestreifzüge. Nostalgie. Keine schmerzhafte Sehnsucht nach dem Vergangenen. Sondern Quelle der Kraft. Mit vielen Vehikeln erreichbar. Mit Nostalgiefernsehserien, Nostalgiefotos, mit  Nostalgiespeisen. Wie dem Nostalgieschweinsbraten mit Semmelknödel nach Omas Art, lecker! (weniger lecker: Marion wird mir für diesen Essenstipp wohl meine Nostalgieohren lang ziehen, autsch!) Orte der Nostalgie, ob in unserem Inneren oder im Außen, sind verborgene Winkel, an denen man Schönes wiederfindet. Oder hortet. Für Seelenhungersnöte. Für einen nostalgischen Energiekick für das Hier und Jetzt. Wunderschöne Nostalgiereisen! Wohin und womit auch immer.

 
 
 

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