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SINN-VOLLES FÜR UNS ALLTAGSPHILOSOPHEN

 

Michael Bauer war Mönch im Benediktinerkloster St. Paul, Kärnten. Seit vielen Jahren praktiziert er traditionelle christliche und asiatische Meditationsformen. Als begeisterter Läufer entwickelte er zudem eine einzigartige Verbindung zwischen Ausdauertraining und spiritueller Praxis, die er in seinem Buch "Die Seele läuft mit" (Integralverlag) und "Power für die Seele" (Südwest) veröffentlichte.
Er schreibt exklusiv für den Glyx-Letter.

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Hände handeln

Hand aufs Herz! Haben Sie sich schon mal über Ihre Hände Gedanken gemacht? So allgemein. Nicht nur wenn sie spröde sind. Hände sind ständig an unserer Seite. Ohne sie würden wir ganz schön im Dunkeln tappen. Unsere Hände sind wertvoll. Deshalb packen wir sie im Winter auch in wärmende „Schuhe“. Hände stehen für Werte. Hand-verlesenes ist etwas Besonderes. Etwas Edles. In echter Hand-arbeit steckt hohe Qualität. Fleißiger Hände Arbeit ernährt. Manche Hände halten die Hände von Trauernden und Einsamen. Spenden Trost. Andere Hände streicheln zärtlich. Menschen. Tiere. Öfter noch Touchscreens. Hände klopfen anderen Handträgern auf die Schultern. Bauen auf. Geben Mut. Richten auf. Mitfühlende Hände reichen  armen und benachteiligten Händen ihre Hände. Die am Rand der Gesellschaft ihr Leben fristen. Heilende Hände schenken heilsame Berührungen. (Hand)-Balsam für die Seele. Nachhaltig handelnde Hände pflanzen Bäume. Setzen positive ökologische  Handabdrücke. Schützende Hände behüten hilflose und schwache Hände. Werden für Menschen ohne Hände zu deren Händen. Friedfertige Hände zeigen sich offen. Wohlhabende Hände geben hungernden Händen zu essen. Hände mit Weitblick denken bei ihren Hand-lungen auch an künftige Hand-Generationen. Kreative Hände schaffen Neues. Und vor allem Gutes. Künstlerische Hände begeistern, erfreuen und inspirieren. Hände haben zwei Seiten. Fanatische und hasserfüllte Hände verfolgen und töten. Brutale Hände schlagen. Selbstgerechte Hände zeigen mit ihren Fingern auf andere. Übersehen dabei, dass drei Finger auf sie selbst zurückzeigen. Ausbeuterische Hände denken nur an ihren Vorteil und an ihren Profit. Unterdrücken andere Hände. Betrügen andere Hände. Diebische Hände stehlen. Ganz schlimme Finger eben. Machtbesessene Hände schicken unschuldige Hände in Kriege. Verleumderische Hände verbreiten Lügen. Streitsüchtige Hände sähen Zwietracht in die Welt. Intolerante Hände lassen nur ihre Meinungen gelten und schätzen anders denkende Mithände gering. Arrogante Hände verspotten. Gierige Hände sind ständig geöffnet. Geizige immer verschlossen. Hinter jeder Hand steckt immer ein JEMAND, der sie führt. Sie. Ich. Wie, das liegt ganz allein in der Hand jedes einzelnen. Welche Handabdrücke sollen Sie einmal überdauern? Welche Spuren wollen Sie hinterlassen? Speziell an alle Leserinnen ein historischer Gruß aus Österreich: Küss die Hand, gnädige Frau!

 
 

Herbst-Blues hat den Rhythmus

Der Herbst ist ein Spaßvogel. Er ist der Clown unter den Jahreszeiten. Mit fröhlichen Farbklecksen zaubert er bunte Blätter in die Landschaft. Den Herbsthimmel taucht er in ein ungewöhnlich schönes Blau. Was für eine Freiluft-Farbtherapie! Für alle zum absoluten Nulltarif. Der Herbst zieht mit seinem „Blues“ durch Straßen, enge Gassen und in so manches Gemüt. Sein rauer Morgenatem ist Vorbote vom nahenden Winter. Das schürt die Sehnsucht nach Wärme und Licht. Deshalb ist der Herbst bei vielen Mitzeitgenossen gar nicht gern gesehen. Ja, nicht wenige fürchten sich vor ihm. Ich mag den Herbst. Sehr sogar. Am meisten den Spätherbst, die November-Allerseelen-Nebel-Magie. Wow! Und ganz besonders mag ich den „Herbst-Blues“. Der Blues streichelt die Seelen. Man denke nur an die gefühlvollen Texte und Rhythmen der Bluessänger. Der Blues geht unter die Haut. Er berührt. Er erreicht Bereiche unserer Seele, die im lauten Alltag meist kein Gehör mehr finden. Nicht beachtet werden im oberflächlichen FUN-Getöse und der Gefühlstaubheit unserer Tage. Der Blues bringt die mitfühlenden Saiten in uns zum Schwingen. Die Soulmusic unseres Menschseins. Darum reiße man seine Türen sperrangelweit auf und bitte den Herbst-Blues herein! Man rede mit ihm, lerne von ihm, bewirte ihn freundlich und genieße die gemeinsamen Augenblicke. Sogleich stellt man fest, dass der Herbst-Blues alles andere als ein Schreckgespenst ist. Der Herbst-Blues schenkt uns Muße. Zum Nachdenken, zum Innehalten, zum Hinterfragen, zum Planen, zum Ordnen, zum Entrümpeln … Im Herbst fährt man die letzten großen Ernten vor dem Winter ein. Der Herbst ist Ernte-Dank-Zeit. Für welche Ernten können Sie besonders dankbar sein? Dabei denke man nicht nur an die materiellen Erntegüter. Eventuell auch an wahre Freundschaften, Gesundheit, Lebensumstände, Arbeit, dass man lebt, dass man geliebt wird, lieben kann, Geborgenheit, Angenommen-Sein, Heimat, ein Zuhause, Nahrung, Frieden, Sinn, Zukunftsperspektiven, Hilfe bekommen, Hilfe schenken können, Genesung, Freude … Der Herbst und sein Blues haben viel zu bieten. Sie verleihen uns den Rhythmus zum Umdenken und zum Neuanfang. Frei nach dem Song von Johnny Cash: „Get Rhythm“ (when you get the blues…).

 
 

In-sich-gehen: Geh-Meditation zuhause

Das Gehen eignet sich hervorragend als Meditation in Ihren vier Wänden oder im eigenen Garten. Wem das meditative Laufen nicht liegt oder wer für die Sitzmeditation zu wenig „Sitzfleisch“ – sprich: Geduld – mitbringt, dem sei das Gehen als Meditation ans Herz gelegt. Es ist eine ausgezeichnete Achtsamkeitsübung. Wo immer Sie gehen können, da können Sie üben. Führen Sie die Übung ganz langsam und konzentriert aus. So wie das beim chinesischen „Schattenboxen“ Tai Chi Chuan der Fall ist. Wir machen stattdessen „Schattengehen“.

Ihr Blick ist geradeaus gerichtet, ohne einen speziellen Punkt zu fokussieren. Sie konzentrieren sich auf Ihre Füße und auf Ihre Schritte. Stellen Sie sich aufrecht hin, Ihre Arme hängen natürlich und locker an Ihren Seiten herunter. Atmen Sie durch die Nase langsam ein und aus. Eine tiefe Zwerchfellatmung.

Spüren Sie Ihre Füße, atmen Sie mithilfe Ihrer Vorstellungskraft quasi zu Ihren Füßen hinunter. Lenken Sie Ihre Vorstellungskraft zu Ihren Füßen und stellen Sie sich vor, wie Sie über Ihre Füße ein- und ausatmen. Sie sind nun geerdet. Ihre Schultern sind entspannt, und Ihr Kopf-Nackenbereich ist locker, ganz so, als hinge er an einem feinen Faden, der am Himmel befestigt ist. Berühren Sie den Gaumen leicht mit Ihrer Zungenspitze. Das steigert die Achtsamkeit. Nun gehen Sie los. Ganz langsam. Ganz absichtslos. Heben Sie den rechten Fuß und lassen Sie ihn langsam nach vorne gleiten. Setzen Sie mit der Ferse zuerst auf und rollen Sie Ihren Fuß ab, bis er vollen Bodenkontakt hat. Spüren Sie bewusst diesen Kontakt mit der Erde. Jetzt verlagern Sie das Gewicht auf Ihr rechtes Bein und machen Sie einen Schritt mit dem linken nach vorne. Wieder mit der Ferse aufsetzen und abrollen. Verlagern Sie das Gewicht nun auf das linke Bein und machen Sie einen Schritt mit dem rechten Fuß nach vorne. Und so weiter. Entspannen Sie beim Gehen Ihre Knie und geben Sie ein wenig nach, sodass die Knie nicht durchgestreckt sind. So haben Sie einen besseren Stand. Fühlen Sie den Untergrund, auf dem Sie gehen. Ihre Füße geben Ihnen Sicherheit und Halt.
Machen Sie die Geh-Meditation gute fünf Minuten lang. Am Morgen nach dem Aufstehen oder auch tagsüber, wann immer Sie Zeit haben und wenn Ihnen der Stress wieder mal den Boden unter den Füßen nimmt. Die Geh-Meditation können Sie auch barfuß machen. Wechseln Sie auch regelmäßig den Untergrund, auf dem Ihre Füße üben dürfen. Die Geh-Meditation beruhigt und fördert Ihre Achtsamkeit. Sie gehen in sich und finden zu sich. Schritt für Schritt.

 
 

Minuten-Eremiten

Der laute Schrei so mancher Augenblicke weckt das Verlangen nach wohltuender Stille. Wie wäre das schön. Jetzt und hier ein wenig Raum für sich alleine. Zur Ruhe kommen können. Keine Gelegenheit. Der Job. Die Kinder. Die fehlende Zeit. Dabei gäbe es doch Angebote zuhauf. Tage der Stille im Haus der Einkehr. Kloster auf Zeit. Wellnessurlaub in ländlicher Abgeschiedenheit. Meditation am Berg. Mamma mia, das wäre fein. Eine Handvoll Zeit für mich. Einen Platz zum Chillen. Aber natürlich, den habe ich doch. Sie ebenfalls. Jeden Tag halten wir uns dort auf. Mehrmals. Zuhause in den eigenen vier Wänden. Und in den vier Wänden unserer Arbeit. Mindestens ein solches Plätzchen hat jeder. Manche haben sogar mehrere davon: Das „Stille Örtchen“. Nomen est Omen. Sofern man es still sein lässt. Denn Homo-sapiens-Hightech will selbst dort nicht ohne Verbindung zur Außenwelt sein. iPhone und Tablet ermöglichen es dem Unruhegeist, während er seine kleinen und großen Geschäfte erledigt, seine kleinen und großen Geschäfte abzuwickeln. Dann gibt es noch die Stille-Örtchen-Lese-Ratte. Zeitunglesen am Locus. Vielleicht um die negativen Schlagzeilen gleich auf direktem Wege zu verdauen? Lassen wir dem „Stillen Örtchen“ doch seine Stille! Denn wo sonst ist man im Laufe des Tages so ungestört und mit sich alleine als gerade dort. Dort wird man zum Kurzzeit-Eremiten. Ein kleiner Retreat vom Alltag im Alltag. Was für ein Luxus. Besonders, wenn man am Kraftörtchen der Stille  eine „Sitzmeditation“ einlegt, eröffnen sich mitunter überraschende Perspektiven. In sitzender Verneigung vor dem Wunder Augenblick. Das Örtchen des Spülens wandelt sich zum Ort des Spielens. Gedankenspiele. Ideenspiele nehmen ihren natürlichen Lauf. Unsere Fantasie wird aus ihrem engen Korsett befreit. Bauchgehirn und Kopfgehirn reichen sich die Hand und laufen wie Gott sie schuf über das weite Land des Alles-Ist-Möglich-In-Diesem-Augenblick. Das „Stille Örtchen“ bietet neben grenzenlosen Gedankenspaziergängen auch die Möglichkeit sich zu sammeln. Bei sich einkehren. Bei sich hinsetzen. Bei sich nachhören. Das Kopfchaos ordnet sich. Um wieder in neuer Frische ans Tagewerk zu gehen. Liebe Chefinnen und Chefs: Lobpreisen Sie daher die Toiletten-Eremiten-Pausen Ihrer Mitarbeiter! Allen anderen sei gesagt: Möge die Stille des Örtchens mit Ihnen sein!

 
 
 

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