Michael Bauer besucht die Dankbarkeit, wenn er am Suppentopf steht. Eine ganz besondere Meditations-Anleitung!
Immer wenn ich Suppe koche, wird meine Küche zu einem magischen Ort! Und ich wieder zu einem sorglosen Kind, so wie damals, als ich meiner Oma beim Suppenkochen helfen durfte. Eine Nudelsuppe mit selbstgemachten Nudeln. Für mich der Himmel auf Erden! Da schnipple ich nun wieder voller Hingabe und umhüllt von uneingeschränkter Achtsamkeit Karotten und Sellerie. Rieche hingebungsvoll und selbstvergessen an meinem geliebten – nomen est omen – Liebstöckel alias „Maggikraut“, meinem persönlichen Wunderkraut aus Kindertagen, in das ich mich am liebsten einwickeln würde. Was für eine mag(g)ische Vorstellung! Ich koste von meiner nicht minder geliebten Petersilie, der Name allein ist schon ein halbes Gedicht, ihr Geschmack - vollkommene Poesie aus dem Hochbeet.
Während ich mich dem Kochen der Suppe mit Haut und Haar und mit Leidenschaft und innigem Herzblut hingebe und schnipple, schabe, hacke und rühre, beginne ich auf einmal ein Lied zu summen. Irgendein Schlager. Ein echter Ohrwurm. Quasi ein Mantragesang der guten Laune. Und Schwuppdiwupp werde ich inmitten meiner Mantra-Verzückung in meiner kleinen Einbauküche zwischen all meinen Töpfen, Pfannen, Frischhaltefolien, Schneidbrettern und meinem kleinen TupperWareUniversum in ein helles Leuchten getaucht. Keine Ahnung, wo dieses auf einmal herkommt, es ist eine Art Zwielicht, wie man es in manchen Wintertagen beobachten kann. Halb von dieser und halb von einer AndersWelt. Vor lauter Überraschung rutsch mir fast mein Herz in mein Beinkleid und es entgleitet mir mein Kochlöffel aus Holz – ein Erbstück meiner Omi - und fällt zu Boden. Das Geräusch, das dabei entsteht, ist wie… – ja nennen wir es „Glockenschlag“, und darauf folgt - nur Stille. Eine klare, reine, einladende und heilsame Stille. Glaube mir, so eine ausdrucksvolle Stille habe ich vorher in meinem ganzen Dasein noch nicht gehört. Und ich – innerlich noch viel mehr Kind – beginne wie aus dem Nichts heraus zu staunen und zu staunen. Ohne Anfang und ohne Ende. Ich habe das Gefühl, dass ich nur noch aus Staunen bestehe, ja, Staunen geworden bin. Und in diesem Staunen ergreift mich ein gaaanz sonderbares Gefühl, dass ich auf diese Art und Weise schon lange nicht mehr bewusst empfunden habe. Ja, ich musss gestehen, ich habe es vergessen, dieses eigenartige Gefühl. Fremd aber doch irgendwie vertraut und nahe. Als Erwachsener vergisst man es rasch und leicht. Übersieht es gerne mal, weil andere Sachen wichtiger werden. Dieses Gefühl nennt man – glaube ich: Dankbarkeit. Oder ist es mehr als ein Gefühl? Eine Haltung? Eine Lebenskunst? Du meine Güte, so lange her, alte Freundin! Verzeih, dass ich dich vergessen und dich nie angerufen habe! Schön, dass du vorbei kommst und nicht nachtragend bist so wie ich es gerne bin. Bist halt anders. Von dir kann man so viel lernen.
Meine alte Freundin Dankbarkeit und ich unterhalten uns noch lange und ausführlich und versprechen uns, dass wir uns nun täglich treffen werden! Dankbarkeit und ich kochen gemeinsam unsere Suppe fertig und setzen uns zu Tisch. Ich werde dabei immer demütiger und den Begriff „Selbstverständlichkeit“ streiche ich von nun an aus meinem Wortschatz. Verweise ihn von meinem Küchentisch!
Danke, dass ich überhaupt ein Suppe kochen darf. Danke, dass ich eine Küche habe mit einem Dach über meinem Haupt, wo ich selber kochen darf. Danke, dass ich in einem Land leben darf, wo ich in Frieden meine Suppe zu Ende kochen kann und nicht Sirenengeheul wegen anfliegender Raketen und Drohnen mich in den Schutzkeller treibt. Danke, dass ich meine Suppe mit guten Freunden genießen darf. Danke, dass es noch intakte Böden gibt, die mir meine geliebten Suppenkräuter schenken. Danke, dass ich meine Suppe eigenhändig essen und mein Körper sie noch verdauen vermag. Danke dass ich noch über Lebenszeit verfüge, für hoffentlich noch viele Suppen! Danke, dass ich auch ein Herz habe, meine Suppe mit Menschen zu teilen, die Hunger nach Suppe haben! Und wenn ich bis dato dieses Herz noch nicht hatte, dann bemühe ich mich ab sofort um ein solches weites Herz! Ein echtes, liebevolles SuppenHerz